19.06.2026 / 4. Tammuz 5786
01.06.2019

Engel gegen Menschen

01.06.2019

Gedanken zu Schawuot von Gemeinderabbiner Boris Ronis

Der rabbinischen Lehre nach wurde die Tora bereits vor der Erschaffung der Welt von Gott im Verborgenen gehalten. Und sie war immer für Menschen bestimmt gewesen, denn ihre Weisheit und ihr tiefer Sinn sind Einsichten, die das Leben auf Erden erleichtern sollen.
Überlegt man sich, was man vor der Tora alles an heidnischen Religionen und Bräuchen hatte, dann stellt man fest, dass die Tora ein unsagbarer Schatz und ein Vorteil für die Menschheit ist. Der Plan Gottes, uns diese Kostbarkeit zu geben, stieß aber nicht unbedingt immer auf das Wohlwollen der himmlischen Bewohner.
So waren es die Engel, die dagegen protestierten. In einem recht interessanten Midrasch gehen die Rabbiner auf diesen Streit ein:
Als Moses in den Himmel aufstieg, sagten die Engel zum Heiligen: »Herr der Welt, was hat dieser Menschensohn bei uns zu suchen?«. Gott antwortete ihnen: »Er ist gekommen, um die Tora zu empfangen«. Da erwiderte sie: »Den Schatz, der seit 974 Generationen, noch vor der Erschaffung der Welt bei Dir verborgen ist, willst Du Geschöpfen aus Fleisch und Blut übergehen?«.
Da sagte Gott zu Mosche: »Gib Du ihnen eine Antwort«. Mosche sprach: »Herr der Welt, ich fürchte mich, denn sie können mich mit dem Hauch ihres Mundes verbrennen«. Gott antwortete: »Halte dich am Thron meiner Herrlichkeit fest und gib ihnen eine Antwort«. Und Mosche fragte: »Herr der Welt, die Tora, die Du mir geben willst, was ist in ihr geschrieben?«. Der Ewige antwortete: »Ich bin Gott, dein Gott, der dich aus Ägypten herausgeführt hat«.
Da sprach Mosche zu den Engeln: »Seid ihrer etwa nach Ägypten gezogen? Wart ihr Sklaven von Pharao? Was wollt Ihr mit dieser Tora? Außerdem steht da drin: Du sollst keine anderen Götter haben. Lebt ihr etwa unter den Völkern, die Götzendienste treiben? Ferner steht geschrieben: Du sollst nicht im Namen Gottes vergeblich schwören. Habt ihr etwa Streitigkeiten unter euch auszufechten und müsst ihr denn schwören? Ferner steht dort: Gedenke des Schabbattages, um ihn zu heiligen. Verrichtet ihr denn ein Werk, das ihr einen Schabbat benötigt? Ferner steht dort: Ehre Vater und Mutter – habt ihr etwa Vater und Mutter? Ferner steht dort: Du sollst nicht töten, du sollst nicht stehlen, du sollst nicht ehebrechen – habt ihr denn einen bösen Trieb? Als die Engel dies alles hörten, sahen sie ein, dass die Tora nicht für sie bestimmt war.
Diese kleine Geschichte soll uns noch einmal verdeutlichen, weswegen wir eigentlich die Tora bekommen haben. Sie dient uns als Erinnerung, sie dient uns als Lehre und als Unterweisung, sie ist unsere Mahnung und unsere Hoffnung, sie gibt uns Aufgaben auf und stützt uns, wenn wir fallen. Sie ist unser Ruhekissen und zugleich ist sie unser Vertrag mit dem Ewigen.
Um der Tora gerecht zu werden, gibt es daher nur einige Pflichten, die wir zu erfüllen haben: Sie zu studieren und zu ehren und natürlich auch weiterzugeben.
Denn der einst geschlossenen Bund, der Vertrag zwischen Gott und den Kindern Israel, funktioniert nur dann, wenn wir ihn weiterreichen an unsere nächsten Generationen. Da dieser Vertrag aber mehr ist als nur Satzungen und Regeln, sondern auch eine tiefgehende und eine unendliche lebensbejahende Philosophie beinhaltet, ist ein Weiterreichen ohne ihr Studium sinnlos. Darum ist es der Brauch, Kindern besonders zu unserem Schawuot-Fest die Tora näherzubringen. Nicht umsonst bieten wir zu diesem Fest Milch und Honig an, in Form von Kuchen und anderen Süßspeisen, damit wir über diese Leckerbissen hinweg eine positive Einstellung zu unserer Lehre gewinnen.
Die Tora ist in der Vergangenheit geschrieben worden, doch für Gegenwart und Zukunft bestimmt. Und die Zukunft erreicht man dann, wenn man die Tora in der Gegenwart studiert. Das ist ihre Bürde, aber auch unser Lebensgarant für die zukünftigen Generationen!
In diesem Sinne: Chag Sameach!

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