30.09.2026 / 19. Tishri 5787
01.10.2019

Ein immer währender Zirkel

01.10.2019

Betrachtungen zu Simchat Tora 5780 von Gemeinderabbiner Jonah Sievers

Eine Geschichte erzählt von einem polnischen Städtel, dessen Bewohner fromm, aber etwas ungebildet waren und einen Rabbiner suchten. Einer der Parnassim wandte sich an die große Jeschiwa von Waloschyn, um dort nach einem geeigneten Kandidaten zu suchen. Die besten Studenten sagten jedoch ab. So wandte sich der Parnass an einen Studenten, der sehr ernst, aber nicht ganz von dieser Welt war. Der Parnass sagte zu ihm: »Kommen Sie zu uns und werden Sie unserer Rabbiner. Wir sind eine berühmte Stadt, bei uns sind Rabbi Akiva, Maimonides und der Gaon von Wilna beerdigt.« Der Student, war wie gesagt, nicht ganz von dieser Welt, er kannte zwar seine Texte, hatte aber keine Ahnung von Geschichte. So nahm er die Stelle an.
Schnell wurde ihm jedoch klar, dass etwas nicht stimmen konnte. Nicht nur, dass die Bewohner nicht besonders gelehrt waren, sie konnten nicht einmal RaschiSchrift lesen. So suchte der Rabbiner jenen Parnass, der ihn angestellt hatte und fragte ihn, wo denn der Friedhof sei, damit sie an den Gräbern der berühmten Leute beten könnten. Der Parnass wurde etwas verlegen und antwortete: »Sie haben mich nicht richtig verstanden, kwod haRaw. In Waloschyn sind sie am Leben: Rabbi Akiva argumentiert, Maimonides entscheidet und der Gaon aus Wilna legt fest. In Waloschyn sind jene wahrlich am Leben. In unserer Stadt sind sie tot!«
Zu Simchat Tora feiern wir die Kontinuität der Tora. Wir beenden die Lesung der Tora und beginnen gleich wieder von vorne. Ein immerwährender Zirkel, der uns ermahnt die Tora zu einem Teil unseres Lebens werden zu lassen. Wenn wir die Tora studieren, sagen wir »Raschi sagt« und nicht »Raschi sagte«. Auch wenn Raschi schon viele Jahrhunderte nicht mehr lebt, so lebt er doch in unserem Studium in der Gegenwart. So kann es sein, dass Raschi mit Nechama Leibowitz, Maimonides mit Leo Baeck und Josef Karo mit Salomon B. Freehof argumentieren. Dies ist die Schönheit unserer Tradition und auch der Grund, warum das Judentum Antworten für ein jüdischen Leben durch die Jahrtausende gefunden hat.
Lassen Sie uns diesen Auftrag annehmen und die Tora von Generation zu Generation weitergeben.
Ich wünsche Ihnen und Ihren Familien Chag Sameach.

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