Gedanken zu Schawuot von Gemeinderabbiner Jonah Sievers
Nach nun 49-tägiger Wüstenwanderung ist das Volk am Berg Sinai angekommen, der Berg, an dem sich der Ewige dem Volk offenbaren wird. Ist es da von Belang, ob die Gabe der Tora just in der Wüste stattfand oder nicht?
Gemäß eines Midrasch ist der Ort nicht zufällig, so heißt es doch: »Die Tora wurde mit Feuer, durch Wasser und in der Wüste gegeben. […] Woher weiß ich, dass sie in der Wüste gegeben wurde? (Denn es steht geschrieben:) Und der Ewige sprach zu Moses am Berg Sinai. Und warum wurde die Tora durch diese drei Dinge gegeben? Weil jene frei für jedermann sind, so sind auch die Worte der Tora frei alle, wie geschrieben steht: ›Lasst alle die durstig sind zum Wasser kommen‹ (Jes. 55:1)« (NumR 1:7).
Die Tora ist nicht nur etwas für Spezialisten, sondern für jeden und jede von uns. Jeder kann sie studieren und in der Tat ist es auch unsere Pflicht, dies zu tun. Daran werden wir auch zum Eingang von Schawuot beim Tikkun Lejl Schawuot erinnert. Manche lernen die ganz Nacht hindurch. Wichtig jedoch ist es, das Lernen nie einzustellen und dabei auch einen kritischen Geist zu behalten. Denn der Midrasch setzt fort mit einer weiteren Erklärung (für die Tatsache, dass die Tora in der Wüste gegeben wurde): »Der Ewige sprach zu Moses in der Wüste Sinai« – Jeder, der sich nicht leer gleich einer Wüste macht, kann weder die Weisheit noch die Tora erwerben.«
Eine mögliche Interpretation dieses Satzes wäre sicherlich zu sagen, dass man sich von allem überflüssigen und vor allem Fremden befreien muss, um die Tora erwerben zu können. Oder gar, wie in einer Parallelstelle (NumR 19:26) geschrieben steht, dass man die Tora nur dann bewahrt, wenn man sich von der Welt absondert. Vielmehr könnte man den Midrasch eben auch so verstehen, dass die Tora nicht den unkritischen Geist verlangt, sondern gerade das Gegenteil.
Kritischer Geist ist gefordert, um Gottes Mizwot zu verstehen und sie auf immer neue Gelegen- und Gegebenheiten anzuwenden. Das Judentum hat eben nicht auch deshalb bis heute seine Kraft bewahrt, weil die Rabbiner es geschafft haben, die Welt mit der Tora in Einklang zu bringen. Manchmal war und manchmal ist dies ein langwieriger Prozess und nicht immer widerspruchsfrei, aber diese Auseinandersetzung hat unsere Tradition immer vital erhalten.
Wenn die Wüste hier als Sinnbild für Leere verstanden wird, dann sollen auch wir leer und damit auch aufgeschlossen und ohne Vorurteile sein. Ohne Vorurteile aber auch unserer eigenen Tradition gegenüber. Wäre dies nicht so, wäre ein so großartiges Buch wie der Talmud nicht geschrieben worden. Nutzen wir also dieses Schawuot-Fest, um uns aufs Neue wieder mit unserer Tradition zu beschäftigen.
Es gibt keine Ausreden. Noch nie war es so einfach, sich auf hohem Niveau mit unserer Tradition auseinander zu setzen. Fast alle grundlegenden Texte sind im Internet mit einer großen Anzahl an Übersetzungen frei erhältlich. Auch finden sich eine Menge Schiurim im Netz und vor Ort. Es gibt wirklich keine Ausreden.
Chag Sameach!
